Samstag 10.4.2021

74. Frühjahrstagung      Verflechtungen II – Musik und Sprache in der Gegenwart

Samstag 10.4.2021   TRANSFORMATIONEN

16.00 Uhr
Susanne Köszeghy
Klangbilder und Silbensalat – experimentelle Sprachförderung durch Neue Musik
Sprache und Musik haben gemeinsame Parameter und belegen im Gehirn ein gemeinsames Areal. Beide entwickeln sich parallel. Durch ganzheitliches Lernen kann die Entwicklung der Sprache die der Musik beeinflussen und umgekehrt. Eventuell kann dies auch auf dem Gebiet der Neuen Musik möglich sein.
Die Verarbeitung von Sprache und Musik ist im Broca-Areal in der Großhirnrinde angesiedelt. Dieses Areal ist offenbar für vernetzte Aktivitäten zuständig. Parallelen zwischen beiden Bereichen sind in den letzten Jahrzehnten immer wieder Gegenstand der Forschung geworden. Die Ausbildung von Wahrnehmungsschemata findet in beiden Bereichen statt. Zu den jeweils wahrgenommenen Qualitäten zählen zum Beispiel Artikulation, Lautstärke, Tonhöhe, melodische Kontur, Tempo und das Erkennen von Phrasen.
In einem spannenden Experiment wiesen Krumhansl und Juscyk 1990 die Präferenz der Säuglinge für richtig segmentierte Sprache nach und untersuchten daraufhin, inwieweit diese Präferenz auch auf musikalische Phrasenabschnitte übertragbar sei. In ihren Versuchen war dies tatsächlich kongruent nachweisbar.
Da die Wahrnehmungsschemata multisensorisch miteinander verknüpft sind, ist davon auszugehen, dass eine Beeinflussung der einen Seite die anderen ebenfalls verändert – ein Argument, dass die Bedeutung einer ganzheitlichen Förderung auf diesem Gebiet unterstreicht, in unserem Zusammenhang also einer Verbindung von Musik und Sprache.
Inwieweit eine ganzheitliche musikalische Sprachförderung auch Einfluss auf den speziellen Umgang mit zeitgenössischer Musik zu tun haben könnte und welche Rolle der Terminus der „Offenohrigkeit“ hierbei spielt, ist Inhalt des geplanten Vortrages.

16.30 Uhr
Matthias Handschick und Gianna de Fazio
Das Künstlerische als Situation –
zur Methodik des Forschungsprojekts Campus Neue Musik
Gespräch zum Video
Das Forschungsprojekt „Campus Neue Musik“ beschäftigt sich mit kooperativen Kompositionenprojekten an Schulen. Es geht der Frage nach, inwieweit sich in den sozialen und musikalischen Praxen von Schülerinnen und Schülern innerhalb dieser Projekte eine Dimension des Künstlerischen im Sinne eines empirisch gesättigten Konstrukts aufzeigen lässt. Der Vortrag erläutert den aktuellen Stand des Projekts und gibt einen Einblick in die situationsanalytische Forschungsmethodik sowie das entwickelte Kategoriensystem.

16.45 Uhr
Lauren Redhead
language als material process
Gespräch zum Video
In diesem Vortrag werde ich materielle Prozesse und kreative Textpraktiken in der zeitgenössischen Musik und Kunst diskutieren. Indem ich „kreative Text-praktiken“ als Strategien für die Komposition identifiziere, beschreibe ich die Verwendung von Text, Sprache (language) und Sprechen (speech) einerseits als strukturierendes und performatives Material und andererseits als die Art und Weise, wie solche kreativen Textpraktiken selbst die performativen Eigenschaften von Text hervorheben. In Revolution in Poetic Language (1984) beschreibt Julia Kristeva den semiotisch-materiellen Bedeutungsbildungs-prozess, die ‚produktive Gewalt‘ (16) und die revolutionäre Praxis, auf diese Weise mit Text zu arbeiten, und stellt dabei die Frage, welche Aspekte von Bedeutung übrigbleiben, sobald die linguistische Bedeutung in textbasierter Kommunikation herabgesetzt wird.
Um dies zu erläutern, werde ich kurz auf Kunstwerke aus anderen Disziplinen eingehen, die Konkrete Poesie und Lautpoesie verwenden – wie z.B. von Amanda Stewart (Lautpoesie) und Annette Iggulden (visuelle Kunst) – und einige Verfahren der Oulipo-Bewegung. Dabei werde ich herausarbeiten, wie diese Künstler Text als Mittel einsetzen, um das Vertraute, Unbekannte und Unheimliche zu erfassen (to embrace), indem sie die symbolischen und semiotischen Aspekte der schriftlichen und gesprochenen Kommunikation miteinander verflechten. Die Kunsttheoretikerin Estelle Barrett beschreibt dies als den „hyperdifferenzierten Bereich der latenten und möglichen Werte und Bedeutungen“ in dem Werk. (2011, 19) Schließlich werde ich über meine jüngste Komposition the whale (2019) sprechen, als Beispiel für die kreative Textpraxis und die materiellen Prozesse in Klang und Notation, die ich seit 2013 in meiner persönlichen Praxis entwickelt habe.

18 Uhr
Roundtable mit
Isabel Klaus, Daniel Ott und Annette Schmucki
Video-Statements
Text Isabel Klaus

20 Uhr
Konzert mit Ensemble Proton Bern

Programm:

Annette Schmucki
drei möbelstücke (2020) UA

Isabel Klaus
and then?

Lauren Redhead
the whale (2020) UA Kompositionsauftrag des INMM

Daniel Ott
6/7 gare du sud (Version 2020 UA Kompositionsauftrag des INMM)

Annette Schmucki
brotkunst / 54 stück / farbstifte papier tabak

Das Ensemble wird eingeladen, bei der traditionsreichen Frühjahrstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung in Darmstadt zu spielen. Passend zum Tagungsthema spielt das Ensemble eine sprachbasierte Komposition von Annette Schmucki. Im musiktheatralischen Stück «and then» für Kontraforte solo & Ensemble spielt Isabel Klaus mit der Erwartungshaltung des Publikums. Wieviel verträgt das Konzept «Solokonzert» – Wann hört Musik auf, ein «Stück» zu sein? Wo sind die Grenzen? Zudem erhält das Ensemble die Möglichkeit mit Lauren Redhead und Daniel Ott zwei spannende Kammermusikwerke zu interpretieren.

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Susanne Köszeghy
Konzertblockflötistin, Workshop-Leiterin, Musikpädagogin im Bereich Kinder- und Erwachsenenbildung mit Schwerpunkt ganzheitliche musikalische Wahrnehmungsförderung. Im Ensemble und als Solistin deutschlandweite Konzerttätigkeit vor allem im Bereich der Neuen Musik.
Seit 2018 Schulleitung der Fachschule für Sozialpädagogik an der Euro Akademie Berlin. Seit vielen Jahren leitet sie regelmäßig das Projekt „Wiesenkonzert“ für die jüngsten Teilnehmer der Frühjahrstagung.
Gianna De Fazio
studierte Schulmusik und Philosophie/Ethik an der HfM Saar und der Universität des Saarlandes. Nach dem 1. Staatexamen begann sie die Referendariatsausbildung in Kaiserslautern und kehrte 2018 in den saarländischen Schuldienst zurück. Derzeit ist sie Lehrerin am Leibniz-Gymnasium St. Ingbert. Seit Sommersemester 2019 arbeitet sie ebenfalls an der HfM Saar im Bereich Musikpädagogik.“
Matthias Handschick
geb. 1971, studierte Schulmusik, Musiktheorie, Germanistik und Komposition. Er war 14 Jahre lang im Schuldienst tätig und erhielt nebenbei Lehr- und Forschungsaufträge an den Musikhochschulen Stuttgart und Freiburg sowie PH Freiburg. Für Projekte zur Vermittlung Neuer Musik wurde er mehrfach ausgezeichnet. Gastdozenturen am Mozarteum Salzburg und Hochschule für Musik Franz Liszt Weimar, Promotion 2014 und seit 2015 Professor für Musikpädagogik und Musikdidaktik an der Hochschule für Musik Saar. Er ist seit 2007 im Vorstand des INMM.
Lauren Redhead
ist Komponistin, Interpretin experimenteller Musik für Orgel und Elektronik sowie Musikwissenschaftlerin mit einem Forschungsschwerpunkt auf Ästhetik und Soziosemiotik der Musik. Laurens jüngste Projekte arbeiten mit experimenteller und grafischer Notation, mit Improvisation. In Verbindung mit Orgel wurden so 2014–18 schon drei CD-Alben mit Ihrer Musik veröffentlicht. Das Album „diapason“ (2015, sfz music) für Orgel und Elektronik entstand mit Alistair Zaldua. Lauren hat sich in jüngster Zeit besonders mit der Musik des britischen Komponisten Chris Newman beschäftigt. Sie ist Senior Lecturer für Musik des 20. und 21. Jahrhunderts an der Goldsmiths University of London.
Isabel Klaus
geb. 1976, studierte Oboe an der Hochschule für Musik FHNW Basel. Nach dem Lehrdiplom folgte in Basel ein Kompositions- und Theoriestudium bei Roland Moser, Detlev Müller-Siemens und Balz Trümpy ab. Nach einem Studienjahr an der Royal Academy of Music London (2006/07) arbeitete sie als Oboistin und Lehrbeauftragte in Winterthur, Aesch, Bern und Basel. Sie erhielt u.a. Kompositionsaufträge von Gare du Nord und IGNM Bern (Mondrian Ensemble), den Ensembles Phoenix und proton bern sowie Kammerorchester Basel. Ihr Schwerpunkt liegt beim Musiktheater. Sie unterrichtet seit 2012 Gehörbildung an der Musikschule Basel, seit 2015 zusätzlich Theorie und Gehörbildung im Studiengang Musik und Bewegung der Hochschule für Musik FHNW.
Daniel Ott
geb.1960 in Grub/Appenzell, Klavierstudium, Theaterstudien in Paris und London. Kompositionsstudium bei Nicolaus A. Huber und Klaus Huber.  Arbeit als Komponist, Pianist, Innovator im Bereich Neues Musiktheater, interdisziplinär und situationsbezogen. Gründung des Festivals „neue musik rümlingen“. Seit 2005 Professor für Komposition und Experimentelles Musiktheater an der Universität der Künste Berlin, seit 2015 Mitglied der Akademie der Künste Berlin. Ab 2016 gemeinsam mit Manos Tsangaris künstlerische Leitung der Münchener Biennale – Festival für neues Musiktheater.
Annette Schmucki
geb. 1968 in Zürich, studierte Komposition bei Cornelius Schwehr und Mathias Spahlinger. Sie arbeitet mit Sprache als Musik. Es entstehen Instrumentalstücke, Installationen, Performances und Texte. Sie ist Mitglied der Künstler*innenkollektive „blablabor“, „band“, „die sieben schweinsschwestern“, „kotombola – kollektive auto*innenschaft“ und der Akademie der Künste Berlin.  Sie erhielt u.a. 2015 einen Schweizer Musikpreis. Sie lebt mit ihren Söhnen in Cormoret/Schweiz.
Das Institut für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt fördert zeitgenössische Musik aller Bereiche und ihre pädagogische Vermittlung.

Das thematische Spektrum reicht von der Tradition der kompositorischen Avantgarde über Klangkunst, Performance, Neue Medien und grenzüberschreitende Konzepte bis zur Improvisation, zum Jazz und zur Musik der Jugendkulturen.

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