Christa Brüstle

Christa Brüstle





Sprache – Text – Musik

Musik als Sprache oder Musik und Sprache sind Themen, die seit den 1950er Jahren zu neuen Diskussionen herausgefordert haben. Die klassischen Argumente für eine „Sprachähnlichkeit“ der Musik waren in zeitgenössischen Kompositionen nicht mehr gegeben. In der Sprachwissenschaft wurde die Auffassung von Sprache neu diskutiert: Ist Sprache nur Grammatik, ist sie nur ein System von Zeichen? Ist Sprache nicht vielmehr auch das aktive Sprechen (mit Stimme und Intonation)? Ist Sprache nicht auch eine Aktion, eine Sprechhandlung? „How to do things with words“, das war ein vielzitierter Titel des Buches von John Austin aus dem Jahr 1962. Damit kamen der Körper und die Stimme sowie die sprachliche Interaktion ins Blickfeld – und es wurde nicht nur über Bedeutung, sondern auch über Missverständnisse nachgedacht. Heute werden diese vielfältigen Aspekte von Sprache mit modernen, empirischen Methoden zum Beispiel in der Psycho- oder Neurolinguistik erforscht. Auch Sprache als Kunst, als Literatur, als Poesie, als Kunstsprache wurde im 20. Jahrhundert breit aufgefächert, mit Auswirkungen auf die Komposition etwa bei Pierre Boulez, Luciano Berio, John Cage, Heiner Goebbels, Olga Neuwirth oder Elena Mendoza. Parallel dazu kamen die Medien der Sprache ins Blickfeld: „Das Medium ist die Botschaft“ hatte 1967 Marshall MacLuhan verkündet. Die Wandlungen vom Buch zum Hörbuch, vom Schriftstück zur Datei, vom Telefongespräch zum Posting in den Social Media sind allen geläufig. Zu den Auswirkungen der medialen Sprachübermittlungen gehören damit auch Veränderungen der Sprache selbst. In zeitgenössischen Kompositionen, elektroakustischer Musik, Computermusik, in Musikperformances und in aktuellen Musiktheater(medien)projekten bilden daher Verflechtungen von Musik und Sprache, denen hier nachgegangen wird, eine kontinuierliche Herausforderung.

Christa Brüstle
studierte Musikwissenschaft, Germanistik und Linguistik in Freiburg i. Br. und Frankfurt a. M. Nach ihrer Promotion und Tätigkeit im Sonderforschungsbereich „Kulturen des Performativen“ (FU Berlin 1999–2005/08) habilitierte sie 2007 über „Konzert-Szenen: Bewegung – Performance – Medien. Musik zwischen performativer Expansion und medialer Integration 1950–2000“. Nach Gastprofessoren in Berlin (UdK 2008–11) und Heidelberg (2014) ist an der Kunstuniversität Graz tätig: seit 2011 als Senior Scientist am Institut für Musikästhetik und seit 2016 als Professorin für Musikwissenschaft sowie Frauen- und Genderforschung. Sie ist stellvertretende Vorsitzende des INMM e.V.
Das Institut für Neue Musik und Musikerziehung Darmstadt fördert zeitgenössische Musik aller Bereiche und ihre pädagogische Vermittlung.

Das thematische Spektrum reicht von der Tradition der kompositorischen Avantgarde über Klangkunst, Performance, Neue Medien und grenzüberschreitende Konzepte bis zur Improvisation, zum Jazz und zur Musik der Jugendkulturen.

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