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DLF/ 30.Woche
Beitrag Musikjournal: Buchbesprechung

Jörn Peter Hiekel (Hrsg.): Sinnbildungen - Spiritualität in der Musik heute

Autor: Ingo Dorfmüller

"Spiritualität" ist ein Modethema: Bei den Weltjugendtagen wird aus traditionellen Gebetsübungen ein poptauglicher Massenevent, der Esoterik-Markt boomt nach wie vor, und allüberall wird mit mehr oder weniger Ernsthaftigkeit den Dingen nachgeforscht, die unsere Schulweisheit sich nicht träumen lässt.

Es ist nur allzu leicht, darüber zu spotten - doch manifestieren sich hier nicht einfach regressive Sehnsüchte. Das zeigt schon ein Blick in das Inhaltsverzeichnis des von Jörn Peter Hiekel herausgegebenen 48.Bandes der vom Darmstädter Institut für Neue Musik und Musikerziehung herausgegebenen Schriftenreihe. Der Band entfaltet das Thema anhand der zeitgenössischen Musik in die verschiedensten Richtungen. Es handelt sich um die mehr oder weniger stark bearbeiteten Vortragsmanuskripte der Frühjahrstagung 2007.

In seinem Eröffnungsvortrag bemüht sich Jörn Peter Hiekel zunächst einmal um eine Begriffsklärung. In deutschen Lexika taucht das Wort "Spiritualität" erst in den siebziger Jahren auf. Da hatte der Schweizer Theologe Hans Urs von Balthasar immerhin schon mehrere Schriften zum Thema verfasst und eine bis heute tragfähige Definition des Begriffes gegeben: Demnach ist Spiritualität eine Durchstimmtheit des Lebens von seinen Letzteinsichten und Letztentscheidungen her - etwas also, das keineswegs allein dem Christentum zueigen ist.

Demnach ist auch in der Musik sorgfältig zwischen religiöser und spiritueller Musik zu unterscheiden - so weist der Komponist und Dirigent Hans Zender in seinem grundlegenden Vortrag darauf hin, daß spirituelle Musik immer eine religiöse Dimension habe, eine Menge an religiöser Musik aber kaum als "spirituell" anzusprechen sei. Zender diagnostiziert eine musikalische Zeitenwende: Zunächst beschreibt er, wie über die Jahrhunderte der europäischen Musikgeschichte Charaktere der profanen Musik immer stärker in die Sakralmusik eindrangen, bis schließlich in der klassischen Sonatenform der Gegensatz einer "Musik der Sammlung" und einer "Musik zur Unterhaltung" aufgehoben war.

Folgerichtig beobachtet er in den zurückliegenden Jahrzehnten ein erneutes Auseinandertreten dieser beiden Sphären bis hin zu einem Gegensatz von nie gekannter Schärfe. Den Komponisten der so genannten E-Musik wüchse damit, so Zender, eine Verantwortung für die Gesamtbalance des Musiklebens zu, die die Suche nach so etwas wie den geistigen oder spirituellen Qualitäten der Musik rechtfertige. Und daraus folge der Bruch mit allen bürgerlichen Vorstellungen von Kunst:

Mit dem Kunstwerk als einem objekthaften Gebilde, wie mit Kunst als Selbstdarstellung des Autors, mit dem Kunstwerk als Gefühls- und Trostspender, wie mit dem Kunstwerk als Erkenntniszusammenhang, mit dem Kunstwerk als einer Ware, wie der Kunst als Kommunikations- und Propagandamittel. Die vollkommene Zweckfreiheit der Kunst stellt sich als Erbstück der mystischen Tradition Europas heraus. So weit Hans Zender.

Dieter Mersch beleuchtet das Thema aus philosophischer Perspektive: Er bezieht sich zunächst auf John Cages Darmstädter Vortrag von 1958, in dem Cage immer wieder auf die musikalische Freisetzung des Geräusches Bezug nahm. Diesem Angriff auf die Hierarchie der Töne ließ Cage deren komplette Abschaffung folgen: In seinem berühmten Schweigestück " 4'33 ". Mersch weist in diesem Zusammenhang auf die zwei Begriffe, die das Lateinische für das Schweigen kennt: "tacere", das Schweigen in Gesellschaft, in einer eigentlich auf Kommunikation gerichteten Situation, und "silere", das absolute Stillschweigen.

So ist auch die Stille in Cages Stück nicht von einem irgendwie gearteten musikalischen Zusammenhang, etwa als Pause, definiert: Zeit, so schreibt Mersch, erscheint nicht länger durch anderes, d.h. als Bemessenes, sondern als Gabe: Sie gibt das Ereignis. Und weiter heißt es: Demnach ist das Nichts, die Stille, nicht selbst verweisend, sondern Grund, auf dem erscheint, und das Erscheinen als ein Auftauchen, als plötzliches Offenbarwerden allererst gewahrbar wird. In dieser Haltung einer, wie Mersch weiter schreibt, Lust der Hingabe, die nichts begehrt oder verweigert, die darum auch nichts entscheidet oder ausschließt, sondern gleichermaßen wach bleibt, für das, was sich zeigt, mag man denn auch die spezifische spirituelle Qualität von Cages Werk erblicken.

Die Sprengkraft des Werks von John Cage nimmt auch Heinz-Klaus Metzger in seinem Beitrag erneut in den Blick: Zunächst die radikale Vereinzelung des Tones, dem in Cages Stück "Variations I" durch das zufällige Übereinanderlegen zweier Folien nicht nur Tonhöhe, Dauer, Klangfarbe etc.. zugewiesen werden, sondern auch seine Position im zeitlichen Ablauf. Der Ton, so Metzger, ist nur noch er selbst, er ist nicht mehr für etwas anderes da. Der Preis dafür ist der Wegfall der Funktion des Tones in einem wie auch immer gedachten Zusammenhang, also nichts weniger als das Ende von Musik als Idiom. Lässt sich diese Konstellation noch als Abbild einer anarchistischen Gesellschaftsutopie begreifen, geht Cage mit den "Variations III" noch einen Schritt weiter: Hier ist nun jede denkbare Aktion, nicht nur akustischer Natur, ist alles Menschenmögliche potentielles musikalisches Material und wird schließlich in allumfassender Banalität Gegenstand des Überdrusses, des Ekels.

In dem Moment, so Metzger, wo alles möglich ist, und es nichts Erlesenes mehr gibt, ist nichts mehr möglich. Sein überraschendes Fazit lautet: Ich weiß nicht, ob Kunst etwas bedeutet, aber wenn sie etwas bedeutet, dann könnte dies auf das bevorstehende Weltende weisen, wie es sich durch die Bewegungen der politischen und ökologischen Parameter ankündigt. Es ist, als würde gleichsam der apokalyptische Horizont sichtbar, vor dem das neu erwachte Interesse an der Spiritualität erst seine Signifikanz erhält.

Die Perspektiven des Themas bis in diese Tiefen aufgerissen zu haben, ist der größte Verdienst des Bandes. Es sei aber nicht verschwiegen, dass er darüber hinaus eine Fülle von faszinierenden Beiträgen zu Einzelaspekten enthält: Wolfgang Lessing untersucht das Verhältnis von spiritueller Erfahrung und ästhetischer Bildung auf höchstem philosophischem Reflektionsniveau; Thomas Ulrich unternimmt einen zunächst befremdlich bürokratisch anmutenden, bei näherer Betrachtung aber durchaus triftigen Versuch, verbindliche Kriterien zeitgenössischer geistlicher Musik zu entwickeln; es gibt Vorträge der Komponisten Dieter Schnebel, Mark Andre und Andreas Wagner, gewichtige monographische Betrachtungen zu Werken von Schnebel und Klaus Huber, schließlich wird nach fernöstlichen Inspirationen zeitgenössischer Musik und spirituellen Aspekten der Popmusik gefragt.

Kritisch anzumerken sind das Fehlen von Registern und biographischen Angaben zu den Referenten, und leider auch mangelnde Sorgfalt bei der Redaktion der Texte. Gleichwohl ein sehr wichtiges Buch, zeitdiagnostisch weit über den Bereich der Musik hinausweisend.

Jörn Peter Hiekel (Hrsg,): Sinnbildungen - Spiritualität in der Musik heute
Veröffentlichungen des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung, Darmstadt - Band 48
Schott-Verlag Mainz, 2008
285 S. mit Notenbeispielen und Abbildungen
€ 32,95