INMMInstitut für Neue Musik und Musikerziehung

 
 


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Die Schwierigkeiten mit der neuen Freiheit

DONAUESCHINGEN. Bestimmt die Postmoderne das Ende der Musikschöpfung? Wie definiert man heute Musik? Der Begriff der Postmoderne löst schon seit langer Zeit Unbehangen aus. Man sucht nach neuen Erklärungsmodellen, die der Entwicklung der Kunst gerecht werden, aber auch gleichzeitig die gesellschaftliche Relevanz von Kunst neu definieren. Das Modell der "reflexiven Moderne", wie es von den Soziologen Ulrich Beck und Anthony Gidens entwickelt wurde, könnte ein sinnhafter Ansatz sein, meinten der Philosoph Harry Lehman und der Musikwissenschaftler Jörn Peter Hiekel.

Ansatzpunkt ist, dass eine "zweite Moderne" die erste Industriemoderne ablöst beginnt und sich in allen Bereichen der Gesellschaft die Notwendigkeit einer "reflexiven Modernisierung" abzeichnet, die ähnlich bedeutsam sein könnte, wie vor 400 Jahren die Renaissance. Das Faszinierende bei diesem Ansatz ist, dass er übergreifend alle Bereiche der Kunst umfasst. Dass die Musikwissenschaft wie auch die Komponisten selbst sich hier auf unsicherem Terrain bewegen, konnte man bei der 60. Arbeitstagung des Darmstädter Institutes für Neue Musik und Musikerziehung (INMM) erfahren. Schon der Titel "Orientierungen - Wege im Pluralismus der Gegenwartsmusik" ließ erahnen, dass man sich nicht festlegen konnte oder auch wollte. Es sollen Perspektiven diskutiert werden, die dazu angetan sein könnten, aus einem von Beliebigkeit geprägten Pluralismus herauszuführen, denkbare Wege im Dickicht der durch Jürgen Habermas zum Schlagwort gewordenen "Neuen Unübersichtlichkeit" unserer Gegenwartskultur.

Der renommierte Komponist und Musikwissenschaftler Claus-Steffen Mahnkopf verstieg sich zu der These, dass innovatives kompositorisches Material nicht mehr vorhanden sei, dafür aber neue kompositorische Merkmale gefunden werden könnten, die man aber nicht näher zu benennen seien. Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt. Einigkeit herrschte indes darüber, dass die in den Kompositionen gezeigte Freimütigkeit für eine neue Subjektivität stehe, jenseits des die Nachkriegszeit dominierenden Materialdenkens. Dies wäre aber nicht möglich gewesen ohne den Klangstrukturalismus der Serialisten.

Ein spannender Bereich der Tagung beschäftigte sich mit der mikrotonalen Erweiterungen des Tonmaterials, also mit Fragen von neuen Tonsystemen. Hier war es dem 1. Vorsitzenden Helmut Bieler-Wendt gelungen, eine ganze Reihe von bedeutenden Komponisten einzuladen. Jean-Luc Hervé, Caspar Johannes Walter, Georg-Friedrich Haas, Daniel N. Seel und andere bewiesen mit ihren Vorträgen und vor allem durch die Aufführung ihrer Werke, dass es in der Neuen Musik wieder interessant wird, auch wenn, wie es Caspar Johannes Walter formulierte, der feste Boden unter den Füssen fehle. Georg-Friedrich Haas verglich sich mit einem erfahrenen Pilzsammler, der auf Stellen hinweise könne, wo man etwas findet, das interessant sein könnte.Hans Zender, der dieses Jahr immerhin schon 70 wird, war ein ganzer Themenblock gewidmet. Er bewies mit seinen Vorträgen und Kompositionen, dass er noch immer wesentliche Sachverhalte mitzuteilen hat. Ein ganzer Konzertabend war außereuropäischer Musik gewidmet.

Fesselnd war angesichts unserer Befreiung von tonalen Systemen die Gegenüberstellung von traditioneller chinesischer Musik mit modernen Kompositionen, so von Wolfgang Suppan, Sandeep Bhagwati, Simeon Pironkoff, Christian Utz und chinesischen Komponisten. Seit Helmut Bieler-Wendt den Vorsitz übernommen hat, bekommt auch die Vermittelung von Musik wieder eine größere Bedeutung. So hat die Kinderuniversität, die von dem Komponisten Volker Staub geleitet wird, sich immer mehr zu einem der Hauptattraktionen entwickelt.

Die 60. Tagung des Institutes für Neue Musik und Musikerziehung zeigte, dass das Programm zunehmend attraktiver zu werden scheint. Die von Jahr zu Jahr zunehmende Zahl der Kursteilnehmer bestätigt diese Erfahrung. Ob das hohe Niveau trotz sinkender finanzieller Förderung noch lange gehalten werden kann, ist die Frage. Dass sich Komponisten wie Geisteswissenschaftler von Luft und Liebe zur Arbeit ernähren können, ist ein weit verbreiteter Mythos. Im alten China gab es bei jedem Dynastiewechsel ein neues Musiksystem. Man glaubte, dass der Kaiser und seine Politik gut waren, wenn die Musik gut war. Diese Sichtweise der alten Chinesen ist bedenkenswert.

Weser Kurier, 03. Mai 2006: "Die Schwierigkeiten mit der neuen Freiheit"

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