Nike Wagner:
„pèlerinages“ Kunstfest Weimar 2008 – ein Rückblick
„Unstern!“ war das ungemütliche Motto der „pèlerinages“ 2008. Es hat sich aber nicht nur als Abwehrzauber gegen ungute Konstellationen erwiesen – ein künstlerischer Glücksstern nach dem anderen funkelte auf – sondern auch als ausgiebiges Gesprächsthema. Gewagt: gewonnen. Ein Festival darf auch die Ängste in unserer Brust und in unserer Gesellschaft thematisieren. Und über die Künste aussprechen und gestalten lassen.
Eislers Deutsche Sinfonie mit der bewegenden Rede von Hortensia Völckers, der künstlerischen Leiterin der Bundeskulturstiftung, machte den Anfang. Das Buchenwald-Gedenkkonzert mit dem selten gespielten Werk prägte sich den Hörern nachdrücklich ein.
Das andere große Sinfoniekonzert war der geglückte „Einstand“ unserer artist in residence, der Bratschistin Tabea Zimmermann. Das Orchestre Philharmonique du Luxembourg legte die nahen Beziehungen zwischen Romantik und Moderne offen, feierte Berlioz’ einsamen Bratschen-Helden „Harold in Italien“ und unseren Hausheiligen Franz Liszt. Liszts Klavierstück „Unstern!“ – bei der Eröffnung noch „original“ auf dem Klavier erklungen – erschien in der orchestrierten Fassung von Heinz Holliger, gefolgt von dessen hochkomplexen Solostück für Viola, „Trema“: Tabea Zimmermann spielte das gar nicht „zitternd“, sondern mit „vollem Ton“.
Ein drittes Orchesterkonzert – mit dem Mozarteum Orchester Salzburg – hat die Abschluß-Gala am 14. September gebracht. Es ist auch der Abschluß der residency von Tabea Zimmermann und ihren Kammer-Musikern, die uns bis dahin vier ausgefeilte und originell programmierte
Abende beschert hatten.
Zur Kunstfest-Eröffnung – beim „Blechgefunkel“ der geschmeidigen Blechbläser der Berliner Philharmoniker – verbanden sich Weimar und Berlin. Nach Bach und Bizet trat die heimische Vokalistin Silke Gonska als Special Guest auf und leitete in den Swing und ins Parkfest über. Unterm echten Sternenzelt über dem Weimarhallenpark feierten Tausende Besucher den Einzug des Kunstfestes in die Stadt.
Stolz ist das Kunstfest auf zwei gelungene Uraufführungen, beide mit trocken-ironischem Beigeschmack und sehr gekonnt komponiert und musiziert. Olga Neuwirths „Kloing!“ führte die Überwältigung eines Pianisten von unsichtbaren Computer-„Mitspielern“ auf der Tastatur vor, Christian Muthspiels Solo-Performance für Posaune und Live-Electronics begeisterte, und von ihm „vertont“ erklangen die „Reisekadermelodien“ des Dichters Marcel Beyer. Keine Geringere als die Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager war bereit, sich für diese illusionslosen Zeilen so klangschön einzusetzen.
Gesangsstars allenthalben: Hinreißend der Abend mit Vesselina Kasarova, der „Vesselina assoluta“ mit Händel-Arien. Unglaublich auch die subtil-sichere Gesangskultur des Baritons Christian Gerhaher: neben Schubert und Pavel Haas gab er uns Mahlers düster-schmerzliche „Kindertotenlieder“.
Das Klagen erhielt am Freitag aber noch expressive, barocke Formen: Die Lamentationen des Propheten Jeremias über die „gefallene“ Tochter Zions, die Stadt Jerusalem, von Jan Dismas Zelenka. In der Herderkirche war ein Meisterwerk des Barock zu entdecken.
Längst aber klagen zeitgenössische Künstler in der ACC-Galerie ihr Leid, erzählen von ihren Unheils-Visionen: die phantasievolle Ausstellung „Unstern. Sinistre. Disastro.“ hat ihre Pforten noch bis zum 2. November 2008 offen.
Spartenübergreifend waren die „pèlerinages“ immer. Ein Ineinander von Film und Literatur gab es in einer Matinee, die den komischen Charakter des „Unstern!“-Mottos herausarbeitete, seine Pechvogel- und Slapstick-Komponente. Ganz neu kann auch älteste Musik klingen, das machte Hildegard von Bingen in der Herz-Jesu-Kirche hörbar. Mystisch inspiriert tanzte ein Derwisch dazu, „geistgefüllte“ wolkige Luftschlangen drangen aus der Sakristei.
Spartenübergreifend auch unser Tanz- und Medien-Schwerpunkt: Vermischen sich im zeitgenössischen Tanz ohnehin Sound, Bewegung und theatralische Elemente – diesmal hatten wir vier internationale Produktionen eingeladen, darunter deutsche Erstaufführungen – so bewährte sich der alte Traum von einer Vermischung der Genres auch im zweiten Jahr unserer TanzMedien-Akademie. Junge Künstler aus Wien, Berlin und Weimar haben in der gewaltigen Viehauktionshalle eine Gemeinschaftsproduktion erarbeitet, die sich sehen lassen konnte. Thematisch angebunden an dieses Projekt war unsere prominent besetzte Diskussionsrunde zum brisant-„unsternigen“ Thema „Medien, Kunst, Gesellschaft“.
Im 18. Jahrhundert schien alles noch in Ordnung: Bei Hofe durfte sich „Geschmacksintelligenz“ ausbilden, da lebte der Dichter dem in seine Pflichten eingeschlossenen Fürsten eine neue Souveränität vor, den Individualismus des Bürgers und Künstlers. Die mit modernsten Vermittlungstechniken inszenierte große Ausstellung des Kunstfestes im Stadtschloß schafft neue Blicke auf die Beziehungen zwischen Weimarer Klassik und fürstlicher Dynastie. Ein Fest für Intellekt und Sinne, mit entsprechend lobendem Echo auch in der überregionalen Presse. Zu sehen noch bis zum 2. November.
Neu in diesem Jahr war ein Treffpunkt namens „Pilgerbar“. Eine offene Kunstfest-Lounge, wo sich ein kleines Festival im Festival herausbildete, mit neuen russischen Filmen, Diskussionen, Vorträgen, nächtlichen Festessen. Die Abschiedsparty trägt den Namen „Supernova“: Nach dem hellem Aufleuchten von drei Wochen Kunst verschwindet das Kunstfest 2008 mit Musik und Tanz – um im nächsten Jahr wieder aufzutauchen.
Das Kunstfest 2009 findet unter dem Motto “Die Ideale” vom 21. August bis zum 13. September 2009 statt.
Wir freuen uns auf Ihren Besuch im nächsten Jahr!
Ihr Kunstfest-Team