Projektbericht Falsche Arbeit
‚Falsche Arbeit’
4 konzertante Selbstdarstellungen aus Hallschlag
Hannes Galette Seidl (Komposition), Daniel Kötter (Video und Regie)
in Zusammenarbeit mit dem Jugendhaus Hallschlag
Premiere am 23.6.2008 / Theaterhaus am Pragsattel
Stationen
/ Besuche und Treffen im Jugendhaus (Interviews, Musikimpro)
/ Vorbereitungen Filmdreh (gemeinsame Aktionen, weiterhin Treffen im Jugend-
haus)
/ Dreh (in zwei leerstehenden Wohnungen im Hallschlag)
/ Proben für Bühne im Jugendhaus (musikalische Probe, Einzelproben, zwei
tutti-Proben) und Bau der Leinwände
/ Probenwoche im Theaterhaus (Aufbau im Probensaal, GP auf Bühne)
/ Premierenabend
Arbeitsprozess
Im Zuge von ‚Netzwerk Süd’1 wird für den Zeitraum einer ca. dreimonatigen
Projektarbeit eine Kooperation mit dem Kinder- und Jugendhaus Hallschlag
gestartet. Ab Ende März 2008 finden dort erste Treffen zwischen den beauftragten
Künstlern und aller an einer Mitwirkung Interessierten statt. Angeboten wird eine
mehrwöchige Zusammenarbeit mit einem Videokünstler und einem Komponisten,
eine Auseinandersetzung mit Musik, Video und Performance, und eine
1
‚Netzwerk Süd’ wird in Trägerschaft von Musik der Jahrhunderte e.V. Stuttgart durchgeführt und ist ein
Förderprojekt des von der Kulturstiftung des Bundes initiierten Förderprogramms ‚Netzwerk Neue Musik’
abschließende Präsentation des Erarbeiteten Ende Juni im Theaterhaus am
Pragsattel.
Ausgangspunkt soll dabei ursprünglich eine von den Betreuern des Jugendhauses
im Vorhinein organisierten Gruppe sein. Diese kommt allerdings nicht zustande und
die anfängliche Phase des Kennenlernes und des gegenseitigen Austauschs spielt
im Gesamtgeschehen eine relativ große Rolle. Gemeinsame Unternehmungen (z.B.
Essen gehen) finden dabei statt, zahlreiche Videointerviews mit den Kindern und
Jugendlichen werden aufgezeichnet, Musik wird ausgetauscht, zwei Jugendliche
zeigen uns ihren Stadtteil Hallschlag mit einigen für sie wichtigen Orten und
Treffpunkten, etc.
Zu Beginn fällt es schwer, an vergangene Treffen anzuschließen und somit etwas
Konkretes zu entwickeln. Mit manchen Jugendlichen kann nur unregelmäßig der
Kontakt gehalten werden, ein Interesse ist zwar spürbar, ein Bedürfnis nach einem
längerfristigen Engagement für eine ‚fremde’ Sache aber meist weniger.
Die Arbeitsweise der Sozialpädagogen orientiert sich an der allgemeinen Struktur
des Jugendhaus. Dieses versteht sich als offene Einrichtung mit einem breiten
Angebot im Bereich Freizeitkultur und Sport, bietet Hilfe in individuellen Lebenslagen
(z.B. Bewerbungen schreiben) und möchte Begegnungsräume für alle Altersgruppen
schaffen.
In diesem Zusammenhang, in dem die Horizonte und Interessen der Jugendlichen,
der Betreuer des Jugendhaus sowie das Selbstverständnis der Künstler
aufeinandertreffen, bieten sich für das Projekt Anknüpfungsmöglichkeiten bei so
wesentlichen Themen wie Arbeit oder Identität. Hierbei findet das Projekt bzw. das
enstehende Stück auch seinen Namen: ‚Falsche Arbeit’ 4 konzertante
Selbstdarstellungen aus Hallschlag.
Zwei befreundete und in Stuttgart aufgewachsene Türkinnen (Serap, Selda, gehen in
die 11. und 12. Klasse) machen Bauchtanz und sie erzählen mit Hilfe mitgebrachter
Fotos vor der Kamera etwas über sich und ihren Alltag. Ein Jugendlicher aus dem
Hallschlag (Daniel L., auf Jobsuche) macht Musik und mischt seine Beats mit denen
des Komponisten. Dabei kommt es zu einigen Impro-Sessions, in denen mit selbst
produziertem elektronischem Klangmaterial experimentiert wird - z.B. kann mit einem
Piezo über verschiedene Oberflächen gekratzt werden oder mit einer kleinen
Magnetspule Handywellen ‚hörbar’ gemacht werden.
Die drei Jugendlichen gehören zu den ersten potentiell Mitwirkenden, wobei Serap in
der Schlussprobenzeit Prüfungstermine hat, aber das Projekt trotzdem von Anfang
an als Ideengeberin intensiv begleitet.
Gleichzeitig wird nach weiteren Darstellern gesucht. Die geplante Bühnenkonzeption
ist wie folgt: vier Personen sitzen an je einer Werkbank (aus der Werkstatt des
Jugendhauses) auf einer eigenen Kleinbühne mit je einer darüber gehängten
Leinwand. Die Jugendlichen sollen dabei sich selbst spielen, also im Endeffekt das
machen, was sie sowieso können und gerne tun. Ihre jeweiligen Tätigkeiten werden
dabei durch Lautsprecher und (live-)Kameras akustisch und visuell verstärkt. Eine
fünfte Position zwischen Publikum und Bühne ist vorerst für einen Sozialarbeiter des
Jugendhaus vorgesehen2, der seine Mitwirkung am Video-Musik-Projekt zusagte,
aber erst etwas später miteinsteigen konnte. Er wird eine wichtige Kontaktperson und
trägt viel dazu bei, dass eine Zusammenarbeit sowohl mit dem Jugendhaus als
Institution als auch mit Jugendlichen aus dem Hallschlag ermöglicht wird.
Geplant ist außerdem ein Drehtermin für einen Film. Neben den bewegten live-
Aufnahmen und den Fotos, welche vor die Kamera geschoben werden, wird auch ein
vorproduzierter Film auf der Bühne zu sehen sein.
An einem Wochenendtermin Ende Mai wird mit den Beteiligten jeweils ein Tag lang
gedreht. Hierfür können zwei leerstehende Wohnungen in einem zum Abriss
freigegebenen Wohnblock im Viertel genutzt werden. Zur Einweihung der Lokalität
gibt es einen Grillabend auf der Terrasse; außerdem werden weitere Vorbereitungen
getroffen - u.a. wird ein Besuch beim Theaterfundus des Staatsschauspiel
organisiert, wobei Kostüme (Anzug, Kochkleidung, Perrücke etc.) anprobiert und
ausgesucht werden.
Mittlerweile gibt es die vier Darsteller mit denen einzeln in den Wohnungen
gearbeitet werden soll: Daniel L. (macht Musik am Computer, hat ansonsten kurze
Jobs), Selda (macht Bauchtanz, geht noch zur Schule, möchte Ausbildung zur
Bürokauffrau machen), Karim (Sozialarbeiter im Jugendhaus, malt, baut und kocht
gerne) und neu dazugekommen: Ufuk (kocht gerne, macht Thai-boxen).
2
Hier steht später ein Kolbenkompressor, der von einer Jugendlichen bedient wird. Der Betreuer steht selbst auf
der Bühne, ist einer der vier Hauptdarsteller.
Das Drehbuch orientiert sich u.a. an den mit den Beteiligten durchgeführten (Audio-)
Interviews, worin bestimmte Themenbereiche, die sich mit der Zeit herausgebildet
haben, zur Sprache kommen: was bedeutet Arbeit für dich? Wo bist du zuhause?
Welche Pläne, Träume, Vorstellung vom Leben hast du? Desweiteren geht es um
Beschreibung von Zimmern aus Vergangenheit, Gegenwart und in der Vorstellung,
Unterschiede zwischen Deutschland und dem Heimatland o.ä., ein Kinderlied zu
singen, usw.
Anhand der daraus gewonnenen Informationen und auch mit Hilfe (spontaner)
Angebote der Darsteller sowie den Möglichkeiten des (Wohn-) Raumes ließen sich
individuelle Drehabläufe skizzieren. Diese können dann später gleichzeitig und als
Komposition auf den vier Leinwänden gezeigt werden, es wird also vierkanalig auf
die Leinwände projiziert.
Für jeden Dreh werden zwei verschiedene aber feste Kamerapositionen innerhalb
der Wohnung gesucht. Die Kamera wird dabei mauell und durchgehend im Kreis
gedreht, daher wird meist nur für kurze Augenblicke beobachtbar, wie die Person
z.B. gerade ein Zimmer einrichtet, oder dabei ist, etwas zu kochen, einen Monitor zu
zertrümmern, zu malen, tanzen, schlafen, einen Text vorzulesen, etc. Die Kamera
fängt Ausschnitte ein - wenn sie vorbeigewandert ist, bleiben die Vorgänge hörbar.
Nach den ersten beiden Tagen erreicht uns über Umwege die Nachricht, dass einer
der Darsteller nicht zum Drehtermin erscheinen wird. Alle Versuche ihn anzurufen
oder anderweitig zu erreichen laufen wie so oft ins Leere. Folglich geht es darum,
möglichst kurzfristig einen Ersatz zu bekommen - über ein paar Ecken kommt
Stanislav (Architekt, Türsteher, boxt ebenfalls) ins Spiel und sagt schließlich auch
seine Mitwirkung für die Bühne zu.
In Hinblick auf die Gesamtchoreographie stellt sich nun die Frage, wie die einzelnen
Teile und Vorhaben in einem Bühneraum organisiert werden können. Es gibt bereits
das gemeinsame Mixtape von Daniel L. und dem Komponisten, es gibt einen Film
und es enstehen außerdem verschiedene elektronische Musikstücke (aus
aufgenommenem Klangmaterial, mit unterschiedlicher Herkunft, d.h. geräuschhaft,
instrumental, sprachlich, ortsbezogen etc.).
Demgegenüber stehen die angedachten live-Aktionen, also bestimmte Tätigkeiten
der Performer, welche durch die an jeder Werkbank angebrachten Mikrophone und
Kameras beobachtet werden. Thematisch wird dabei der Begriff der ‚Arbeit’
aufgefächert, und „die Tätigkeiten sind nach ihren ursprünglichen
Sinnzusammenhängen unterteilt in sechs Kategorien: Hauptbeschäftigung, Hobby,
Präsentation, Teamarbeit, Nebenjob und keine Arbeit.“3
In der jeweiligen Hauptbeschäftigung z.B. wird beim Löten, Musik machen (mit einem
no-input-mixer4, welcher von Daniel L. bedient wird) oder Kochen etwas produziert.
Das Hobby, was bei allen zugleich ein Solo ist, kann u.a. Boxen, Bauchtanzen oder
Muskeln trainieren sein. Präsentiert wird in Form (fotografischer) Selbstportraits,
welche die jeweiligen Personen zuhause, bei der Arbeit, in ihrer Freizeit etc. zeigen.
Teamarbeit dagegen steht für drei musikalische Aktionen, welche gleichzeitig die
einzigen gemeinsamen Aktionen sind und mit unterschiedlichen Materialien aus der
Werkstatt (Plastikfolien, Steinen, Schleifpapier, Murmeln) instrumentiert sind.
Nebenjob ist beispielsweise Zeichnen, Nägel feilen oder mit einem Eierschneider
Musik machen, keine Arbeit heißt z.B. Rauchen, Kerne knabbern oder spielen. Die
Kategorien werden aber nicht als solche genannt oder einer bestimmten Abfolge
untergeordnet, sie werden unterschiedlich und nach ästhetischen Gesichtspunkten
kombiniert und können daher gleichbedeutend wirken, da eine „Einteilung in
sinnvolle (d.h. produktorientierte) Arbeit und sinnlose (d.h. zerstreuende)
Freizeitbeschäftigung im Bühnenkontext aufgelöst wird“5. Der dramaturgische Aufbau
orientiert sich an musikalischen Formen: die Personen interagieren nicht, agieren
aber so, dass es u.a. zeitliche und inhaltliche Schnittpunkte gibt, Hauptbeschäftigung
ist die Beschäftigung, die eine gewisse Konstanz aufweist, die etwas entwickelt und
zu der alle immer wieder zurückkehren, das Hobby dagegen kommt als Solo nur
einmal im Ablauf vor, Teamarbeit erfolgt gemeinsam, als tutti, keine Arbeit heißt
Pause - in der Form und im zeitlichen Ablauf erinnert das Ganze in gewisser Weise
an ein Konzert.
In den ersten Proben, welche in der Werkstatt des Jugendhauses stattfinden, wird
nun Verschiedenes ausprobiert. Mit den Performern wird z.B. einzeln oder im tutti ge-
probt, es gibt rein musikalische Proben, wo mit grafischer Partitur gearbeitet wird,
und mit Hilfe nummerierter Karten (die Zahlen sind den sechs Kategorien,
3
zitiert aus: Programmheft zur Premiere von ‚Falsche Arbeit’, Text Daniel Kötter und Hannes Galette Seidl
4
bei einem no-input mixer handelt es sich um ein herkömmliches Mischpult, bei welchem durch bestimmte
Verkabelungen interne Rückkopplungen verursacht und daraufhin als musikalisches Klangmaterial verwendet
werden (Quelle: www.neue-musik-lueneburg.de/event_festival_04_marko_ciciliani.php)
5
ebd.
verschiedene Farben den vier Personen zugeordnet) unterschiedliche Abläufe
improvisiert. Beispielsweise steht Nummer 4 für Teamarbeit und somit für eine von
drei musikalischen Aktionen (Knistern mit unterschiedlichen Folien, Rauschen mit
Steinen oder Murmeln, Schleifpapier reiben), welche alle mit einem An- und wieder
Abschwellen in der Dynamik geschrieben sind.
Später wird alles in einer Gesamtpartitur zusammengefasst, wobei diese sich
weiterhin in einem ständigen Veränderungsprozess befindet.
In der ersten musikalischen Probe scheint es für die Jugendlichen nur schwer
vorstellbar, wo und wie die musikalischen Aktionen im Zusammenhang mit der
Bühnenperformance stehen sollen. Fragen nach dem Sinn der produzierten
Geräusche kommen auf, woraufhin sich eine Diskussion entfacht. Es wird auch
darüber nachgedacht, inwiefern sich da evtl. Verknüpfungen oder konkrete Bezüge
finden lassen (z.B. der Vorschlag von Serap, sich das Rauschen des Meeres
vorzustellen, oder, Seldas Knacken der Sonnenblumenkernschalen als ganz
konkrete Aktion einzubauen).
In den folgenden Proben kommen Kameras hinzu, es wird mit allen einzeln geprobt
und in einer (beinahe) tutti-Probe werden mehrere mögliche Abläufe und
Kombinationen ausprobiert. Das Problem des Partiturlesens, was in den Proben
durch dirigierte Improvisation mit nummerierten Karten umgangen wird, kann
schließlich für die Bühne so gelöst werden, dass jeder Performer einen zeitlichen
Fahrplan für seine jeweiligen Aktionen besitzt und per Monitor eine Uhr im
Sekundentakt angezeigt bekommt. Dadurch können seine Tätigkeiten mit denen der
anderen zeitlich koordiniert werden, was sich anhand einer mehrschichtigen
Zeitleiste in einer Gesamtpartitur veranschaulichen lässt.
In dieser Zeit erscheint Daniel L. nicht mehr zu den Probenterminen. Er ist nicht zu
erreichen, auch Karim, der mitwirkende Jugendbetreuer, hat kein Glück. Wieder geht
es darum, möglichst bald einen Ersatz für die anstehende Probenwoche im
Theaterhaus und die Premiere zu finden. Gefunden wird Konstantin,
Kunstkoordinator an der Akademie Schloss Solitude, welcher die Rolle kurzfristig
übernimmt.
Der Transport für die Probenwoche wird organisiert: vier Werkbänke, die Leinwände,
die von Karim im Jugendhaus gebaut wurden, sowie alle restlichen Geräte und
Materialien werden ins Theaterhaus gefahren.
Im zur Verfügung stehenden Probensaal kann nun bereits mit dem originalen
Bühnenaufbau gearbeitet werden. In der kommenden Woche finden jeden Abend
knapp einstündige Proben mit Gesamtdurchläufen statt. Das Stück mit dem Namen
‚Falsche Arbeit’ ist nun zweigeteilt: es gibt einen performativ-konzertanten ersten
Teil, es gibt eine Art ‚break’ (ein Kolbenkompressor wird von außerhalb der Bühne
angeschaltet, mit Spot auf Serap) und es gibt den Film, welcher am Stück und im
Anschluss an die 40-minütige Performance gezeigt werden wird. Letzterer hat
teilweise O-Ton, es sind zuletzt auch Ausschnitte aus den Interviews mit den
Jugendlichen hinzugekommen, wohingegen der Bühnenpart ganz ohne Text oder
gesprochene Sprache ist.
In der Partitur sind nun Einsatz und Dauer der verschiedenen Aktionen, Musikstücke
oder Klangeinspielungen verzeichnet. Alle Performer haben ihren Ablauf auf Papier,
innerhalb eines zeitlichen Rahmens können sie ihre jeweilige Aktion durchführen,
wobei sie in der Gestaltung relativ frei sind. In den Proben haben sich mit der Zeit
einige Kombinationen bewährt, wurden aber auch immer wieder abgeändert.
Am Tag der Premiere sind alle pünktlich und ‚Falsche Arbeit’ kann um 19:00 vor
Publikum aus Hallschlag, zeitgenössischer Musikszene und allen sonstigen
Interessierten beginnen.